Am nächsten Morgen hieß es, Levin Brandt sei an einem Aneurysma gestorben. Bedauerlich. Privat. Ohne Zusammenhang mit AUREON. Die interne Nachricht endete mit einem Zitat aus dem neuen Achtsamkeitsprogramm: „Akzeptanz ist der erste Schritt zur Klarheit.“
Mara starrte auf den Satz, bis die Buchstaben verschwammen.
Elias Kern kam ohne anzuklopfen in ihr Büro. „Sie waren die Letzte, die ihn lebend gesehen hat.“
„Sie auch.“
„Ich habe den Sicherheitsdienst gerufen.“
„Nachdem das Licht aus war.“
Er schloss die Tür. „Wenn Sie etwas wissen, sagen Sie es mir.“
Mara stand auf. „Sie wurden eingesetzt, um mich zu ersetzen, und erwarten Vertrauen?“
„Nein. Ich erwarte, dass Sie überleben wollen.“
Das war der erste ehrliche Satz, den sie an diesem Tag hörte.
Elias erklärte nicht viel. Er ließ nur einen Ausdruck auf ihren Tisch gleiten: Levins letzte Systemabfrage. Kurz vor seinem Tod hatte er nach einem Projekt gesucht, das in keinem offiziellen Register auftauchte: ARENA. Dazu eine Liste von Städten, Budgetposten und anonymisierten Testpersonen.
„ARENA ist ein Prognosesystem“, sagte Elias. „Offiziell zur Verkehrslenkung. Inoffiziell soll es Menschenmengen steuern: Demonstrationen, Wahlen, Panik. Wer weiß, wie eine Masse sich bewegt, kann entscheiden, wann sie zerbricht.“
Mara fühlte Kälte in den Fingerspitzen. „Und Levin wollte es melden.“
„Vermutlich.“
„Warum sagen Sie mir das?“
Elias sah sie an, zu lange. „Weil Sie wütend sind. Wut ist nützlich, solange sie nicht blind macht.“
Am Nachmittag ordnete Falk ein verpflichtendes Achtsamkeitsretreat für die Führungsebene an. Ausgerechnet im alten Firmenauditorium, das intern wegen seiner runden Form „die Arena“ genannt wurde. Dort saßen Manager auf Yogamatten, während eine Trainerin mit sanfter Stimme sagte: „Stellen Sie sich vor, Ihre Schuld ist ein Blatt auf einem Fluss.“
Mara stellte sich vor, wie sie Falk mit diesem Blatt erwürgte.
Dann vibrierte ihr Handy. Eine unbekannte Nummer schickte ihr ein Video. Darauf war Levin zu sehen, aufgenommen am Abend seines Todes. Er sprach hastig in die Kamera: „Wenn ich verschwinde, vertraut nicht dem offiziellen Bericht. ARENA hat bereits Menschen getötet. Nicht durch Waffen. Durch Entscheidungen. Evakuierungswege geschlossen. Rettungskräfte fehlgeleitet. Test unter Realbedingungen.“
Im Hintergrund des Videos spiegelte sich eine Person in der Serverglastür. Nicht Falk.
Elias.
Mara hob den Blick. Quer durch das Auditorium sah er sie an, als hätte er gewusst, dass diese Nachricht kommen würde.