Mara Voss hatte gelernt, dass in der neununddreißigsten Etage niemand schrie. In der Zentrale von AUREON, einem Konzern für Sicherheitsdrohnen und smarte Stadtüberwachung, wurden Existenzen mit leisen Stimmen vernichtet: bei Cappuccino, hinter Glaswänden, mit einem freundlichen „Wir melden uns“.
An diesem Montag sollte Mara zur Leiterin der Compliance-Abteilung ernannt werden. Drei Jahre lang hatte sie Schmiergeldflüsse verfolgt, interne Untersuchungen geschrieben und Vorstände davor bewahrt, ihre Unterschriften unter zu viele Lügen zu setzen. Sie trug einen marineblauen Anzug, den sie nur für diesen Tag gekauft hatte, und in ihrer Tasche lag ein USB-Stick mit der Präsentation „Integrität als Wettbewerbsvorteil“.
Im Konferenzraum saßen zwölf Männer und eine Frau, die nie widersprach, solange der Vorstandsvorsitzende lächelte. Rüdiger Falk, graue Schläfen, goldene Uhr, Stimme wie polierter Stein, begrüßte Mara mit einer Wärme, die sie sofort misstrauisch machte.
„Frau Voss, Ihre Arbeit war… bemerkenswert.“
Das Wort hing im Raum wie ein Messer.
Dann öffnete sich die Tür. Ein Mann trat ein, den Mara noch nie gesehen hatte. Groß, dunkler Mantel über dem Arm, Augen, die alles registrierten und nichts preisgaben. Falk stellte ihn vor: „Das ist Elias Kern. Unser neuer Chief Resilience Officer. Er übernimmt ab heute die Leitung von Compliance, Risk und Special Investigations.“
Mara hörte ihr eigenes Blut rauschen. Ihre Beförderung wurde nicht abgesagt. Sie wurde ihr vorgeführt, wie ein Geschenk, das man jemand anderem überreichte.
Elias nickte ihr zu. „Ich kenne Ihre Berichte. Ohne Sie wäre ich heute nicht hier.“
„Wie tröstlich“, sagte Mara, bevor sie sich bremsen konnte.
Einige lächelten erschrocken. Falk nicht.
Nach der Sitzung fand Mara auf ihrem Schreibtisch eine neue Aufgabenliste. Sie sollte künftig „Kulturinitiativen“ betreuen: Achtsamkeitsseminare, Ethik-Newsletter, ein Programm namens „Atme, bevor du handelst“. Neben ihrem Laptop stand eine Schale mit Lavendelbonbons.
Sie lachte einmal, kurz und hart.
Um 21:17 Uhr, als die Etage leer war, hörte sie aus dem Serverflur ein dumpfes Geräusch. Kein Schrei. Nur etwas Schweres, das gegen Metall schlug.
Mara folgte dem Geräusch und fand Levin Brandt, den Datenarchitekten von AUREON, auf dem Boden zwischen zwei Racks. Seine Brille war zerbrochen. In seiner Hand steckte ein Schlüsselanhänger in Form eines kleinen goldenen Helms, den Mara schon einmal gesehen hatte: am Handgelenk von Rüdiger Falk.
Levin lebte noch. Seine Lippen formten ein Wort.
„Arena.“
Dann flackerte das Licht. Als es zurückkehrte, stand Elias Kern am Ende des Gangs.
„Fassen Sie nichts an“, sagte er.
„Zu spät“, antwortete Mara. In ihrer Hand lag bereits Levins blutiger Schlüsselanhänger.