Sie versteckten sich in einem Raum voller alter Server, deren Lüfter wie müde Tiere atmeten. Durch einen Spalt in der Tür sah Mara drei Männer in grauen Sicherheitsjacken vorbeigehen. Einer sprach in sein Headset: „Wenn sie die Rohdaten findet, schließen wir den Brandfall endgültig.“
Adrian zog Mara tiefer in den Schatten.
„Nicht anfassen“, flüsterte sie.
„Ich rette Ihnen gerade das Leben.“
„Das macht Sie nicht automatisch sympathisch.“
„Schade. Ich hatte gehofft, es hilft.“
In einer anderen Situation hätte Mara gelacht. Stattdessen hörte sie ihr Herz in den Ohren. Auf einem Regal entdeckte sie Kartons mit Aufklebern: HELIOS – THERMIK – ORIGINALMESSUNG. Sie zog einen heraus. Darin lagen Datenspeicher, altmodisch, absichtlich nicht mit dem Firmennetz verbunden.
Adrian nahm einen der Speicher. Seine Finger zitterten jetzt doch.
„Sie wussten davon“, sagte Mara.
„Ich wusste, dass es eine Sicherung geben musste. Ich wusste nicht, wo.“
„Warum haben Sie geschwiegen?“
Er sah sie an. „Weil mein Bruder bei dem Unfall starb.“
Mara erstarrte.
„Jonas Voss. Externer Ingenieur. In den Berichten steht er als Berater ohne Zutritt zur Halle. Das ist falsch. Er war drinnen, weil er die Sensoren prüfen wollte. Danach wurde sein Name aus fast allem gelöscht. Man bot mir eine Erklärung an, einen Schuldigen, eine Abfindung für meine Eltern. Ich habe unterschrieben, um Zugang zu behalten.“
„Sie haben mitgespielt.“
„Ja.“
Die Ehrlichkeit traf sie härter als eine Ausrede. „Und Lena?“
„Sie war Jonas’ Kollegin. Sie hat mir eine Nachricht geschickt: Nicht der Prototyp war das Problem. Jemand hat die Sicherheitslogik absichtlich überbrückt.“
Da flackerte das Licht. Eine Stimme erklang aus den Lautsprechern, weich und langsam, als lese jemand eine Meditations-App vor.
„Atmen Sie ein. Atmen Sie aus. Akzeptieren Sie, was Sie nicht ändern können.“
Mara erkannte die Stimme: Dr. Falk.
„Bitte bleiben Sie ruhig. Der Bereich K wird aus Sicherheitsgründen versiegelt.“
Adrian riss die Tür auf. Am Ende des Gangs senkten sich Brandschutztore.
Sie rannten.
Ein Tor krachte vor ihnen herunter. Adrian warf sich dagegen. Nutzlos. Hinter ihnen zischte Gas aus den Deckenventilen.
„Beruhigungsgas“, sagte Mara und hielt sich den Ärmel vor den Mund. „Oder schlimmer.“
Adrian suchte an der Wand nach einer Steuerung. „Falk hat einen Kurs für achtsame Führung gemacht. Seitdem nennt sie jede Erpressung einen Prozess der Akzeptanz.“
Mara entdeckte eine Wartungsklappe knapp über dem Boden. „Da rein.“
„Das ist ein Kabelschacht.“
„Dann werden wir eben Kabel.“
Sie krochen hinein, Schulter an Schulter, während hinter ihnen das Gas den Raum füllte. In der Enge spürte Mara Adrians Atem an ihrem Hals. Sie hasste, dass diese Nähe sie nicht nur nervös machte, sondern auch beruhigte.
„Wenn wir hier rauskommen“, flüsterte er, „werden sie behaupten, wir hätten Daten gestohlen.“
„Haben wir ja.“
„Zur Verteidigung.“
„Das sagen alle Diebe.“
Er schwieg kurz. „Mara.“
„Was?“
„Ich habe Sie nicht gebeten, mir zu vertrauen. Aber glauben Sie nicht Falk, wenn sie Ihnen etwas anbietet. Sie bietet nie etwas an, das sie nicht schon besitzt.“
Vor ihnen endete der Schacht in einem Lüftungsgitter. Dahinter: das Forum. Leer, dunkel, nur die digitale Arena-Tafel leuchtete. Darauf erschien plötzlich ein neuer Eintrag.
MARA STEIN – RISIKO ROT.
Darunter: ADRIAN VOSS – ELIMINIEREN.