Die Anhörung fand nicht in einem Konferenzraum statt, sondern im sogenannten Forum: ein runder Saal mit abfallenden Sitzreihen, Glaswänden und Kameras in jeder Ecke. Mitarbeitende durften zusehen. Investoren wurden zugeschaltet. Es war Transparenz als Theater.
Mara saß auf der rechten Seite des Podiums, vor sich ein Tablet mit den Akten. Adrian stand gegenüber, allein, ohne Anwalt. Das irritierte sie mehr, als sie wollte. Ein Schuldiger bringt Schutz mit. Ein Unschuldiger manchmal auch.
Die Vorsitzende des Aufsichtsrats, Dr. Hanne Falk, schlug mit einem Metallstift auf den Tisch. „Wir eröffnen die interne Anhörung zum Vorfall im Testzentrum Süd. Herr Voss, Sie waren verantwortlich für das Projekt Helios.“
„Für die Entwicklung, ja. Nicht für die Sicherheitsfreigaben.“
„Aber Sie haben den Start beschleunigt.“
„Weil die Technik bereit war.“
Mara beobachtete ihn. Kein Zittern. Keine Flucht. Doch als auf der Leinwand das Foto des Testzentrums erschien – eine verbrannte Halle unter spanischer Sonne –, senkte er für einen halben Herzschlag den Blick.
Dr. Falk nickte Mara zu. „Frau Stein, Ihr Zwischenbericht.“
Mara stand auf. „Drei Prüfprotokolle wurden rückdatiert. Zwei Sensorwarnungen wurden aus dem System gelöscht. Eine Technikerin, Lena Krahl, meldete vor dem Unfall Unregelmäßigkeiten. Ihr Vertrag wurde danach beendet. Seitdem ist sie nicht auffindbar.“
Ein Raunen ging durch den Saal.
Adrian sah sie an. „Lena ist nicht verschwunden.“
„Dann wissen Sie, wo sie ist?“
„Nein.“
„Das klingt widersprüchlich.“
„Sie verschwand nicht freiwillig.“
Die Worte fielen in den Saal wie ein Glas auf Stein.
Nach der Anhörung folgte Mara einer Spur, die niemand sonst bemerkt hatte: In einem alten Wartungsprotokoll war eine interne Durchwahl notiert, die offiziell seit Jahren nicht existierte. Sie wählte sie aus einem leeren Besprechungsraum. Drei Sekunden Stille. Dann eine Frauenstimme.
„Wenn Sie klug sind, legen Sie auf.“
Mara hielt den Atem an. „Lena Krahl?“
„Wer fragt?“
„Mara Stein. Compliance.“
Ein bitteres Lachen. „Dann sind Sie entweder naiv oder die neue Maske derselben Maschine.“
„Ich suche die Wahrheit.“
„Die Wahrheit liegt im Archiv unter dem 47. Stock. Raum K-9. Aber gehen Sie nicht allein.“
Die Leitung brach ab.
Mara wusste, dass sie Adrian nicht vertrauen durfte. Deshalb schrieb sie ihm nicht. Deshalb wartete sie bis nach Mitternacht und nahm den Aufzug allein. Doch diesmal erschien auf der schwarzen Fläche ein Ziel, das sie nicht eingegeben hatte: K-9.
Als sich die Türen öffneten, stand Adrian davor.
„Sie sind sehr schlecht darin, nicht beobachtet zu werden“, sagte er.
„Und Sie sehr gut darin, überall aufzutauchen, wo Beweise verschwinden.“
„Dann lassen Sie uns hoffen, dass ich heute zu spät komme.“
Hinter ihnen schlossen sich die Türen. Vor ihnen lag ein fensterloser Gang, beleuchtet von Notlampen. Am Ende hörten sie ein Geräusch: Schritte. Nicht einer Person. Mehrerer.