Als Mara Stein an ihrem ersten Arbeitstag im Glasquartier Nord den Aufzug betrat, bemerkte sie zuerst, dass es keine Knöpfe gab. Nur eine schwarze Fläche, glatt wie ein ausgeschalteter Bildschirm, und darüber das Logo der Veyron-Gruppe: ein silberner Kreis, der eine Flamme einschloss.
„Der Aufzug entscheidet, wohin Sie müssen“, sagte der Mann neben ihr.
Mara drehte sich um. Er war groß, trug keinen Schlips und hatte die Ärmel seines Hemdes hochgekrempelt, als wäre er zu beschäftigt, um reich zu wirken. Dunkle Augen, ruhige Stimme, ein Gesicht, das in Verhandlungen wahrscheinlich Türen öffnete und Herzen schloss.
„Ich entscheide lieber selbst“, sagte Mara.
„Dann sind Sie hier falsch.“
Der Aufzug setzte sich lautlos in Bewegung. Mara hielt ihre Mappe fester. Darin lag der Grund, warum sie eingestellt worden war: eine interne Untersuchung, getarnt als Beförderung. Offiziell sollte sie die neue Leiterin für ethische Lieferketten werden. Inoffiziell hatte ihr der Aufsichtsrat eine Datei zugespielt: manipulierte Sicherheitsberichte, verschwundene Zeugen, ein tödlicher Unfall in einem Testzentrum in Andalusien. Und ein Name, der immer wieder auftauchte.
Adrian Voss.
Der Mann neben ihr streckte die Hand aus. „Adrian Voss. Vorstand Innovation.“
Mara lächelte, ohne die Hand sofort zu nehmen. „Mara Stein. Ich bin die Neue, die Ihnen unangenehme Fragen stellen wird.“
„Unangenehme Fragen sind mir lieber als angenehme Lügen.“
Der Aufzug hielt im 47. Stock. Die Türen öffneten sich zu einer Etage, die eher wie ein Tempel aussah als wie ein Büro: weiße Steinwände, Pflanzen in schwarzen Becken, geräuschlose Mitarbeitende mit Headsets. In der Mitte hing eine riesige digitale Anzeigetafel. Darauf standen Abteilungen, Zahlen, Namen. Manche grün, manche gelb, einige rot.
„Was ist das?“ fragte Mara.
Adrian sah kurz hin. „Die Arena.“
„Bitte?“
„Ein internes Leistungsmodell. Teams treten gegeneinander an. Wer verliert, verliert Budget. Wer gewinnt, bekommt Projekte.“
Auf der Tafel blinkte ein roter Name: LENA KRAHL – TERMINIERT.
Mara spürte, wie ihr Magen kalt wurde. „Terminiert?“
„Vertrag beendet“, sagte Adrian. „Nicht hingerichtet.“
„Beruhigend.“
Er musterte sie. „Sie halten nicht viel von uns.“
„Ich kenne Sie noch nicht.“
„Aber Sie haben schon ein Urteil.“
Mara wollte antworten, doch in diesem Moment ging ein Alarm durch die Etage. Kein schrilles Signal, nur ein tiefer Ton, der alles zum Stillstand brachte. Auf den Bildschirmen erschien eine Meldung: ANHÖRUNG 12:00 – FALL TESTZENTRUM SÜD.
Adrians Gesicht veränderte sich kaum. Nur sein Kiefer spannte sich an.
Mara wusste: Sie war nicht in ein Unternehmen gekommen. Sie war in ein Gericht geraten, in dem alle Beweise lebten, arbeiteten und Angst hatten.