Der Zeuge hieß Niko Brandt und war kein Held. Er war ein Praktikant aus der Postproduktion, zwanzig Jahre alt, nervös, mit zu großen Kopfhörern und dem Gesicht eines Jungen, der zu viel gesehen hatte.
Mara fand ihn nicht im Büro, sondern in einem Tanzstudio am Gürtel, wo Leona Kessler Selbstverteidigung für Frauen unterrichtete. Über der Tür hing ein Schild: LADIES FIRST – nicht als Höflichkeit, sondern als Kampfansage.
Leona stand barfuß auf der Matte und warf einen doppelt so schweren Mann zu Boden.
„Frau Voss“, sagte sie, ohne sich umzudrehen. „Wenn Sie hier sind, hat Niko endlich geredet.“
„Ich weiß nicht, ob ich Ihnen trauen kann.“
„Gut. Vertrauen ist ein Luxus. Reflexe sind nützlicher.“
Niko saß im Nebenraum und zitterte so stark, dass der Tee in seiner Tasse Wellen schlug. Adrian war mitgekommen, obwohl Mara es ihm verboten hatte. Vielleicht gerade deshalb.
„Ich habe die Rohdatei gesehen“, flüsterte Niko. „Die Kamera über Tor Drei. Sie war nicht ausgefallen. Sie wurde live umgeleitet.“
„Von wem?“ fragte Mara.
Niko schluckte. „Von jemandem mit Vorstandszugang. Aber ich habe das Gesicht gesehen. Nur kurz. Es war nicht Herr Falk.“
Adrian atmete aus.
Mara nicht. „Wer war es?“
Niko sah zu Leona.
Leona schloss die Augen. „Sag es.“
„Helene Karg.“
Der Name fiel in den Raum wie ein Messer.
Mara dachte an Helenes Lächeln. An die sauberen Akten. An die gefälschte Nutzung ihrer Ermittlerkennung. Eine Vorstandschefin, die ihr eigenes Projekt sabotierte? Warum?
Leona beantwortete die Frage, als hätte sie Maras Gedanken gelesen. „Silas hatte Beweise, dass AURELIA die Kämpfer medizinisch überwachen ließ, nicht um sie zu schützen, sondern um Belastungsgrenzen für zukünftige Shows zu berechnen. Menschen als Datenmaterial. Helene wollte an die Börse. Ein Skandal hätte Milliarden gekostet.“
Adrian trat einen Schritt zurück. „Du wusstest davon?“
Leona sah ihn an. Zum ersten Mal wirkte sie müde. „Ich wusste von den Sensoren. Nicht vom Mord.“
Da ging das Licht aus.
Ein dumpfer Schlag. Glas splitterte. Niko schrie.
Mara wurde von Adrian zu Boden gerissen, im selben Moment zischte etwas über sie hinweg und schlug in die Wand. Kein Schuss. Ein Bolzen aus einer Trainingsarmbrust.
Leona bewegte sich schneller als alle anderen. Sie griff den Angreifer an, doch die Gestalt im schwarzen Motorradhelm entkam durch den Hinterausgang. Zurück blieb nur ein Stoffband, das an der Tür hing.
Darauf stand in goldener Schrift: ATMEN. ZÄHLEN. LOSLASSEN.
Mara hob es auf. „Was ist das?“
Adrian wurde blass. „Das ist aus dem Achtsamkeitsprogramm für Führungskräfte. Helene hat es eingeführt.“
Niko presste die Hände auf den Mund. „Sie findet uns überall.“
Mara sah Adrian an, und für einen Moment war da keine Ironie mehr zwischen ihnen. Nur Angst. Und etwas Wärmeres, Unvernünftigeres.
„Dann müssen wir aufhören zu fliehen“, sagte sie. „Wir geben ihr eine Bühne.“