Mara bekam ein Büro neben Adrians Kreativabteilung, offiziell zur internen Untersuchung. Inoffiziell sollte sie herausfinden, ob AURELIA einen Star opfern musste, um den Konzern zu retten.
Adrian brachte ihr am zweiten Tag keinen Kaffee. Er brachte ihr eine Speicherkarte.
„Bevor Sie fragen: Ich habe sie nicht gestohlen. Ich habe sie vor dem Verschwinden bewahrt.“
„Das ist ein sehr hübscher Satz für Diebstahl.“
„Ich arbeite mit hübschen Sätzen. Sie arbeiten mit hässlichen Wahrheiten.“
Auf der Karte befanden sich Probenaufnahmen aus Arena Nova. Mara sah Silas Dorn in Rüstung, lächelnd, erschöpft, lebendig. Neben ihm eine Frau mit kurz geschnittenem schwarzem Haar: Leona Kessler, Sicherheitschefin der Produktion. Sie korrigierte einen Brustgurt, prüfte den Helm, klopfte Silas auf die Schulter.
Dann erschien Adrian im Bild. Er sprach leise mit Silas. Kein Streit. Kein Druck. Eher etwas Dringendes, fast Vertrautes.
„Worüber haben Sie gesprochen?“ fragte Mara.
Adrian verschränkte die Arme. „Er wollte aussteigen.“
„Warum?“
„Er sagte, jemand manipuliere die Ausrüstung. Nicht nur seine. Er hatte Angst, aber nicht vor mir.“
„Warum haben Sie das nicht sofort gesagt?“
„Weil Silas mir einen Namen nennen wollte. Nach der Show. Er kam nie dazu.“
Mara sah ihn lange an. „Sie erwarten, dass ich Ihnen glaube, weil Sie gut aussehen und tragisch klingen?“
„Nein. Ich erwarte, dass Sie mir nicht glauben und trotzdem weiterfragen.“
Sie tat es.
Die nächsten Stunden wurden zu einem Tanz aus Akten, Blicken und unausgesprochenen Warnungen. Mara befragte Techniker, Maskenbildner, Sponsoren. Jeder hatte ein Motiv, niemand hatte eine Waffe. Silas hatte kurz vor seinem Tod eine Vertragsklausel angefochten, die AURELIA erlaubte, Kämpfer wie Figuren zu vermarkten. Er wollte eine Gewerkschaft gründen. Er hatte Feinde.
Am Abend blieb Mara allein im Büro zurück. Draußen glitzerte die Stadt. Auf ihrem Bildschirm öffnete sie die internen Zugangsdaten. Jemand hatte in der Todesnacht mit ihrer temporären Ermittlerkennung eine Datei gelöscht.
Ihre Kennung war zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht aktiv gewesen.
Mara erstarrte.
Jemand im Konzern hatte nicht nur Silas getötet oder sterben lassen. Jemand baute bereits eine zweite Geschichte: eine, in der Mara selbst zur Vertuscherin wurde.
Ihr Handy vibrierte.
Eine unbekannte Nummer schrieb: FRAGEN SIE DEN ZEUGEN NICHT, WENN SIE LEBEN WOLLEN.
Darunter ein Foto.
Es zeigte Mara vor ihrem Bürofenster. Aufgenommen vor fünf Minuten.