Mara Voss hatte gelernt, dass die gefährlichsten Menschen nicht schreien. Sie lächeln. Sie reichen Kaffee. Sie sagen Sätze wie: „Wir sind hier eine Familie.“
An diesem Montagmorgen stand sie im zweiundvierzigsten Stock der Wiener Zentrale von AURELIA Global, einem Konzern, der Luxusuhren, Live-Events und historische Streaming-Shows verkaufte, und sah durch die Glaswand in einen Konferenzraum voller lächelnder Führungskräfte.
Auf dem Tisch lag eine Akte mit rotem Siegel: INTERNER VORFALL – ARENA NOVA.
„Frau Voss“, sagte Vorstandschefin Helene Karg, ohne ihr Lächeln zu verlieren, „wir brauchen Ihre Diskretion. Und Ihre Härte.“
Mara setzte sich nicht. „Diskretion kostet extra. Härte ist im Gehalt enthalten.“
Ein paar Männer lachten zu spät. Helene nicht.
Arena Nova war AURELIAs teuerstes Projekt: eine moderne Showserie, in der Athleten in historischen Rüstungen gegeneinander antraten. Keine echten Waffen, keine echten Verletzungen – zumindest laut Pressemappe. Doch am Samstag war ein Kämpfer namens Silas Dorn vor laufenden Kameras zusammengebrochen. Tot. Offiziell ein Herzversagen. Inoffiziell kursierte bereits das Wort Mord.
„Die Staatsanwaltschaft stellt Fragen“, sagte Helene. „Die Presse will Blut. Und unser Creative Director, Adrian Falk, wird von allen Seiten beschuldigt, Sicherheitsprotokolle ignoriert zu haben.“
Mara kannte den Namen. Adrian Falk, der Mann, der aus trockenen Markenfilmen emotionale Spektakel machte. Der Mann mit den grauen Augen auf Magazincovern. Der Mann, den das Internet gleichermaßen vergötterte und zerlegte.
„Wenn er verantwortlich ist, werde ich das melden“, sagte Mara.
„Wenn er unschuldig ist, werden Sie ihn retten“, erwiderte Helene.
Da öffnete sich die Tür.
Adrian Falk trat ein, als käme er nicht zu einer Krisensitzung, sondern auf eine Bühne, die ihm gehörte. Dunkler Mantel, unrasierte Kieferlinie, ein Blick, der sofort zu viel bemerkte. Als seine Augen Mara trafen, stockte sein Schritt für den Bruchteil einer Sekunde.
„Sie sind die Anwältin?“
„Compliance. Ich bin schlimmer.“
„Gut“, sagte er. „Dann glauben Sie mir vielleicht nicht sofort. Das tun nur Anfänger.“
Mara wollte ihn nicht mögen. Sie mochte ihn in der ersten Minute.
Und genau das machte ihn gefährlich.
Als die Sitzung begann, präsentierte man ihr Diagramme, Statements, medizinische Gutachten. Alles sah sauber aus. Zu sauber. Ein Sportler mit Topwerten. Ein defekter Sensor, der zufällig keine Daten gespeichert hatte. Ein Kamerawinkel, der zufällig blockiert war. Ein Sanitäter, der zufällig früher gegangen war.
Mara stellte nur eine Frage: „Wer hat Silas Dorn zuletzt lebend allein gesehen?“
Der Raum wurde still.
Adrian hob langsam die Hand. „Ich.“
Helene Karg lächelte nicht mehr.