Zwei Tage später saß Mara nicht im Büro, sondern in einem Verhörraum. Die Ermittlerin, Hauptkommissarin Yara Neumann, stellte ihre Fragen so ruhig, dass sie gefährlicher wirkten als jedes Schreien.
„Sie waren mit Herrn Falk hinter der Bühne.“
„Ja.“
„Er hat Sie vor dem Unfall geschützt.“
„Ja.“
„Vielleicht, weil er wusste, was passieren würde.“
Mara schwieg. Sie hatte denselben Gedanken gehabt und ihn gehasst.
Leander war verhaftet worden. Die Medien nannten ihn den „Manager-Gladiator“, der im Machtkampf über Leichen ging. Alte Ausschnitte aus seinem politischen Untersuchungsausschuss wurden wieder gezeigt. Einige Kommentatoren behaupteten, seine Aussage damals sei manipuliert gewesen. Andere sagten, er habe schon immer gerne im Rampenlicht geblutet, solange andere fielen.
Mara kehrte ins Büro zurück, obwohl ihr Chef ihr bezahlten Urlaub nahelegte. „Zur Verarbeitung“, sagte er. „Achtsamkeit ist wichtig.“
Achtsamkeit. Das Wort verfolgte sie bis in den Konferenzraum, wo Selma Greve eine interne Traueransprache hielt. „Wir werden Joris ehren, indem wir transparent sind“, sagte sie. „Und indem wir uns nicht von Angst führen lassen.“
Neben ihr stand eine Beraterin, die für die Belegschaft freiwillige Meditationssessions anbot. „Atmen Sie den Schock aus“, sagte die Frau. „Lassen Sie los, was Sie nicht kontrollieren können.“
Mara meldete sich an.
Nicht, weil sie Frieden suchte. Sondern weil Joris’ Kalender am Abend vor seinem Tod einen privaten Termin verzeichnete: „Achtsamkeit, Raum 12B“.
Raum 12B lag im unrenovierten Teil des Turms. Die Meditation fand im Halbdunkel statt, zehn Angestellte auf Matten, eine Schale mit Sandelholzduft, weiche Stimmen. Mara setzte sich hinten hin und schloss halb die Augen. Die Beraterin sprach davon, wie Schuld nur eine Geschichte sei, die der Geist erzähle.
„Wenn eine Geschichte Sie bedroht“, flüsterte sie, „fragen Sie: Wem nützt sie?“
Mara öffnete die Augen. Unter der Tür schob sich ein Umschlag herein.
Sie wartete, bis die Session endete, dann nahm sie ihn. Darin lag ein Speicherchip und eine handschriftliche Notiz von Joris: „Falls ich nicht komme: Die Arena war nur der Anfang. L. ist nicht sauber, aber nicht der Kopf.“
Nicht sauber. Nicht der Kopf.
Auf dem Chip fand Mara keine Videos, sondern Tondateien. Stimmen, verzerrt, aber erkennbar. Selma Greve sprach mit einem unbekannten Mann über „kontrollierte Katastrophen“, über öffentliche Angst als Marktchance und über einen Regierungsauftrag für Sicherheitsroboter, der nach einem spektakulären Unfall garantiert unterschrieben würde. Dann Leanders Stimme, wütend: „Ich spiele nicht mehr mit. Wenn Sie das durchziehen, gehe ich zur Presse.“
Eine Pause.
Selma: „Sie vergessen, Herr Falk, dass Helden am besten funktionieren, wenn sie fallen.“
Mara hörte die Datei dreimal. Dann rief sie Yara Neumann an.
„Ich habe Beweise“, sagte sie.
„Kommen Sie nicht zur Wache“, antwortete die Ermittlerin sofort. „Ihr Telefon ist seit heute Morgen gespiegelt.“
Mara erstarrte.
„Gehen Sie dorthin, wo niemand von Helixion Sie erwartet.“
„Und wo soll das sein?“
Yara schwieg kurz. „Zu dem Mann, den Sie nicht mehr mögen sollten.“