Der Helixion-Dom war eine kreisrunde Veranstaltungshalle am Rand der Stadt, von außen wie ein silberner Schild, von innen wie ein Kolosseum aus Licht. Auf den Rängen saßen Investoren, Minister, Influencer und Presse. In der Mitte sollten zwei humanoide Rettungsroboter gegeneinander antreten, angeblich um zu demonstrieren, wie sie Menschen aus Katastrophengebieten bergen konnten. Die Show hieß „Arena of Care“. Mara fand den Namen geschmacklos.
Leander führte sie nicht zu den VIP-Plätzen, sondern durch einen Seitengang hinter der Bühne. „Bleiben Sie bei mir. Und sprechen Sie mit niemandem, der Ihnen sagt, ich hätte ihn geschickt.“
„Ich spreche grundsätzlich mit niemandem, der so redet.“
„Gut.“
Zwischen Technikern, Sicherheitsleuten und Models in silbernen Overalls bewegte sich Leander, als kenne er jeden Schatten. Mara beobachtete ihn. Er war zu kontrolliert. Nicht wie ein Manager vor einer Präsentation, sondern wie jemand, der auf den ersten Schuss wartete.
Dann betrat Vorstandschefin Dr. Selma Greve die Bühne. Eine Frau mit weißblondem Kurzhaarschnitt und einer Stimme wie geschliffenes Glas. Sie sprach von Verantwortung, von Mut, von einer Industrie, in der Frauen nicht mehr applaudieren, sondern führen würden. Das Publikum jubelte. Mara wollte ihr glauben. Selma Greve war die erste Frau an der Spitze von Helixion, eine Ikone in Wirtschaftszeitungen, Gründerin eines Stipendiums für Mädchen in MINT-Berufen.
Doch als die Roboter aktiviert wurden, stimmte etwas nicht.
Der kleinere Prototyp, der eine Puppe aus einem simulierten Trümmerfeld retten sollte, drehte sich plötzlich zur Ehrentribüne. Sein Greifarm fuhr aus, nicht schnell, sondern mit grausamer Präzision. Ein Techniker rief. Licht flackerte. Leander stieß Mara gegen eine Wand aus Bühnenkisten, warf sich über sie, während ein Stahlseil von der Decke riss und dort einschlug, wo sie eben gestanden hatten.
Schreie. Sirenen. Dunkelheit.
Als das Notlicht anging, lag auf der Bühne ein Mann unter dem Roboterarm: Joris Ehn, der Leiter der internen Revision. Er hatte Mara vor zwei Tagen eine Nachricht geschickt: „Ich habe etwas, das dich interessieren wird. Nicht im Büro.“
Jetzt war er tot.
Mara wollte zu ihm, aber Leander hielt sie fest. „Nicht.“
„Er hat mich kontaktiert.“
„Genau deshalb.“
Kameras schwenkten. Sicherheitsleute stürmten herein. Selma Greve kniete auf der Bühne, ihr Gesicht perfekt entsetzt. Mara sah etwas Weißes in Joris’ verkrampfter Hand: ein abgerissenes Stück Papier mit nur drei Worten.
LEANDER HAT GELOGEN.
Mara riss sich los, doch in diesem Moment zeigte einer der Monitore eine gespeicherte Sequenz: Leanders digitale Freigabe, Leanders Sicherheitscode, Leanders Unterschrift für den Prototypentest.
Alle Blicke wanderten zu ihm.
Leander hob langsam die Hände. Er sah nicht zu Selma, nicht zur Presse, nicht zur Polizei, die gerade eintraf. Er sah nur Mara an.
Und in seinem Blick lag keine Bitte um Hilfe, sondern die Gewissheit, dass sie ihn nun hassen musste.