Mara Voss arbeitete im siebenundvierzigsten Stock des Glasturms von Helixion, einem Konzern, der behauptete, die Zukunft zu bauen: autonome Drohnen, medizinische Sensoren, Sicherheitssoftware für Staaten und Stadien. Für Mara bedeutete Zukunft vor allem: endlose Tabellen, verschwundene Belege und Männer in maßgeschneiderten Anzügen, die ihr erklärten, warum Moral in der Praxis leider kompliziert sei.
Sie war Compliance-Prüferin, unsichtbar genug, um in Meetings nicht begrüßt zu werden, und unbequem genug, um nicht befördert zu werden. An diesem Montag fand sie in einem Archivordner eine Rechnung über „Bühnenverstärkung für Projekt Arena“. Das Seltsame daran war nicht die Summe von neun Millionen Euro, sondern die Signatur darunter: Leander Falk, neuer Chief Strategy Officer und der Mann, den alle im Konzern entweder fürchteten oder bewunderten.
Leander war vor drei Monaten von einem politischen Untersuchungsausschuss zu Helixion gewechselt. Dort hatte er als Kronzeuge gegen eine Ministerin ausgesagt und war danach zum Medienliebling geworden: der elegante Reformer, der keine Angst vor mächtigen Gegnern hatte. In Wahrheit, so hörte Mara in der Kantine, hatte er mehr Feinde als Freunde.
Als sie ihn zum ersten Mal persönlich traf, stand er allein in der leeren Vorstandsküche und versuchte, eine Kaffeemaschine zu bedienen, als wäre sie ein feindlicher Satellit.
„Sie drücken seit zwei Minuten auf Entkalken“, sagte Mara.
Er sah auf, lächelte nicht, musterte sie aber aufmerksam. „Dann erklärt das, warum sie mich so streng beurteilt.“
Mara trat neben ihn, stellte die Maschine richtig ein und ließ einen Espresso laufen. „Maschinen lügen selten. Menschen schon.“
„Dann sind Sie wahrscheinlich aus der Abteilung, die Menschen wie Maschinen behandelt.“
„Compliance. Wir behandeln Maschinen besser.“
Jetzt lächelte er doch. Es war kein weiches Lächeln, eher ein kurzes Aufblitzen, gefährlich und müde zugleich. „Mara Voss. Sie haben den Prüfbericht über die Sicherheitsverträge geschrieben.“
„Sie kennen meinen Namen?“
„Ich kenne jeden Namen, der mir Ärger machen kann.“
Der Satz hätte arrogant klingen müssen. Stattdessen lag darin eine Warnung. Mara schob ihm die ausgedruckte Rechnung über den Tresen. „Dann kennen Sie vielleicht auch das hier.“
Leanders Blick veränderte sich nicht, aber seine Hand blieb eine Sekunde zu lange in der Luft. „Woher haben Sie das?“
„Aus einem Ordner, der nicht existieren sollte.“
„Vergessen Sie ihn.“
„Das ist keine besonders überzeugende Compliance-Strategie.“
Er trat näher, so nah, dass Mara den herben Duft seines Rasierwassers wahrnahm. „Heute Abend findet im Helixion-Dom die Investoren-Show statt. Wenn Sie glauben, dort gehe es nur um Technik, irren Sie sich. Wenn Sie glauben, Sie könnten allein hineingehen, irren Sie sich noch mehr.“
„War das eine Drohung?“
„Nein“, sagte Leander leise. „Eine Einladung, am Leben zu bleiben.“