Selma Ried sah nicht aus wie eine Täterin. Genau das war vermutlich ihr größter Vorteil. Sie hatte die ruhige Ausstrahlung einer Frau, die gelernt hatte, in Räumen voller mächtiger Männer leiser zu sprechen und trotzdem alle Entscheidungen zu treffen.
„Sie haben Enno getötet“, sagte Mira.
Selma neigte den Kopf. „Ich habe eine Eskalation beendet.“
„Mit einem Messer.“
„Mit Konsequenz.“
Julian trat vor Mira. „Was ist das hier?“
„Dein Erbe“, sagte Selma. „Dein Vater baute CIVITAS, um zu zeigen, dass Menschen unter Druck ihre wahre Natur offenbaren. Dann bekam er Gewissensbisse. Schwäche tarnt sich gern als Moral.“
Julian ballte die Hand. „Er hat es gestoppt.“
„Er wollte es vernichten. Ich habe es gerettet.“
Hinter Selma flammten Monitore auf. Verträge, heimliche Testaufnahmen, politische Namen, Auszahlungslisten. Mira erkannte mehrere Signaturen, die sie in den letzten Monaten geprüft hatte. Falsche Beratungsrechnungen. Verschleierte Zahlungen. Ein ganzes Tribunal aus Geld.
„Das VERDICT-Archiv“, sagte Mira.
Selma lächelte. „Jeder Mensch fällt irgendwann ein Urteil. Über Kollegen, Geliebte, Fremde. Wir liefern nur die Bühne. Unsere Kunden wollen wissen, wen man brechen kann, bevor man ihn befördert, erpresst oder wählt.“
„Und Enno?“
„Wollte beichten.“ Selma seufzte, beinahe enttäuscht. „Dabei hatte ich ihm Meditation empfohlen. Drei Minuten atmen, bevor man sein Leben ruiniert.“
Mira dachte an den Titel eines internen Workshops, den Selma vor zwei Wochen persönlich beworben hatte: Achtsam führen in aggressiven Märkten.
„Sie sind wahnsinnig“, sagte Julian.
„Nein. Ich bin pünktlich. Die Welt belohnt keine guten Absichten, Julian. Sie belohnt Menschen, die die Mechanik verstehen.“
Mira spürte, wie seine Schulter ihren Arm berührte. Keine große Geste. Nur ein Zeichen: Ich bin da.
Selma bemerkte es. „Wie rührend. Der Prinz und die Prüferin. Wissen Sie, Frau Voss, Julian hat Sie vor drei Monaten vor die Entlassungsliste gesetzt.“
Mira erstarrte.
Julian atmete ein. „Das stimmt.“
Es war erstaunlich, wie ein einziger Satz lauter sein konnte als Sirenen.
„Warum?“ fragte Mira.
„Weil ich Ihren Bericht über das Drohnenprogramm für übertrieben hielt. Weil ich dachte, Sie suchen Fehler, um wichtig zu sein.“ Er schluckte. „Dann habe ich die Rohdaten gesehen. Sie hatten recht. Ich habe die Liste zurückgezogen.“
„Das macht es nicht besser.“
„Nein.“
Selma lächelte zufrieden. „Misstrauen ist effizienter als Gewalt. Man muss nur säen.“
In Miras Tasche vibrierte ihr Diensthandy. Kein Netz, kein Empfang, aber eine lokale Verbindung. Auf dem Bildschirm stand: ENNO SEIDEL – GEPLANTE SENDUNG BEREIT. STARTEN?
Selma sah Miras Blick und hob die Hand. Aus den Wänden fuhren zwei Drohnen.
„Geben Sie mir das Handy“, sagte sie. „Dann dürfen Sie beide leben. Vielleicht sogar zusammen. Romantik ist gut für die Personalbindung.“
Julian flüsterte: „Mira, wenn wir senden, kommen wir hier vielleicht nicht raus.“
Sie sah ihn an. Den arroganten Erben, der sie unterschätzt hatte. Den Mann, der vorhin sein Jackett abgelegt hatte, als wäre Wärme noch eine Währung. Sie hasste, dass sie ihm glaubte.
„Ich bin Compliance“, sagte sie. „Rauskommen ist optional. Dokumentation ist Pflicht.“
Sie drückte auf STARTEN.