Als der Aufzug wieder ansprang, tat er, was Aufzüge in Türmen selten tun: Er fuhr abwärts, tief unter die Lobby, tiefer als die Parkgarage, bis das Display nur noch ein rotes Minuszeichen zeigte.
Mira presste ihre Tasche an sich. Darin steckte ihr Diensthandy, ein Lippenstift, zwei Mandelriegel und ein USB-Schlüssel, den Enno ihr am Freitag heimlich zugeschoben hatte. Sie hatte ihn noch nicht geöffnet, weil sie zuerst beweisen wollte, dass sie nicht paranoid war.
Jetzt wünschte sie, sie wäre schneller paranoid gewesen.
Die Türen glitten auf. Vor ihnen lag ein kreisrunder Raum, halb Serverhalle, halb Amphitheater. Holografische Banner schwebten über grauen Sitzreihen. „CIVITAS-PROTOKOLL: ENTSCHEIDUNGEN UNTER DRUCK.“
Julian flüsterte: „Das wurde vor Jahren gestoppt.“
„Von wem?“
„Von meinem Vater.“
„Praktisch, dass Tote nicht widersprechen.“
Er sah sie scharf an, aber diesmal ohne Spott. „Wenn mein Vater damit zu tun hatte, will ich es wissen.“
Aus Lautsprechern ertönte dieselbe verzerrte Stimme: „Willkommen, Kandidaten. Einer von Ihnen besitzt den Schlüssel. Einer von Ihnen besitzt den Namen. Zusammen besitzen Sie eine Chance.“
In der Mitte des Raums erschien Ennos Bild. Nicht lebendig, sondern als Standbild aus der Markthalle. Darunter: UNFALL TODESFALL. URSACHE: STURZ.
Mira lachte einmal trocken. „Sie erklären Mord also jetzt per Benutzeroberfläche.“
Eine Tür öffnete sich. Dahinter lag ein Gang mit Glaswänden. Auf der anderen Seite bewegten sich Gestalten in Schutzmasken. Keine Gladiatoren aus alten Filmen, keine Schwerter, keine Sandarena. Nur moderne Menschen mit Betäubungsstäben, Drohnen und Verträgen, die wahrscheinlich alles legal wirken ließen.
„Wir müssen zur Sicherheitszentrale“, sagte Julian.
„Und ich muss Ihnen vertrauen, weil?“
Er zog sein Jackett aus und legte es ihr um die Schultern, als ein Kälteschwall aus dem Gang kam. Eine absurde, höfliche Geste an einem Ort, an dem gerade jemand ermordet worden war.
„Weil ich genauso wenig sterben will wie Sie“, sagte er. „Und weil Sie gerade zittern.“
„Ich zittere vor Wut.“
„Dann nutzen Sie sie.“
Sie rannten.
Die erste Drohne erwischte Julian an der Schulter. Er stolperte, schlug gegen die Wand, riss aber im Fallen ein Wartungspanel auf. Mira sah darin Kabel, blinkende Module und einen Notanschluss.
„Ihr USB-Schlüssel“, keuchte er.
„Woher wissen Sie davon?“
„Enno hat mir gestern eine Nachricht geschickt. Nur ein Satz: Wenn Mira rennt, lauf hinterher.“
Das hätte sie gern später verarbeitet. Stattdessen steckte sie den USB-Schlüssel ein.
Alle Lichter im Gang wurden blau. Auf einem Display erschien eine Datei: VERDICT_ARCHIV.
Urteil. Archiv.
Dann öffnete sich die nächste Tür, und dahinter stand eine Frau in weißem Hosenanzug, die Mira nur aus Magazinen kannte: Dr. Selma Ried, Vorstandsvorsitzende von Aurelion, Investorenflüsterin, Stiftungsgründerin, Ikone jeder „Frauen an die Spitze“-Kampagne.
Selma klatschte langsam.
„Mira Voss“, sagte sie. „Endlich sieht Sie jemand.“