Als Mira Voss an diesem Montagmorgen den Glasturm von Aurelion Dynamics betrat, hatte sie zwei Vorsätze: keine Überstunden mehr und kein einziges Lächeln für Julian Kaas.
Der erste Vorsatz war unrealistisch, der zweite lebensnotwendig.
Julian war der neue strategische Direktor, Sohn des verstorbenen Firmengründers, Liebling der Wirtschaftspresse und der Mann, der in Meetings Sätze sagte wie: „Risiko ist nur Angst mit Anzug.“ Mira, die in der internen Compliance-Abteilung arbeitete, nannte solche Sätze in ihren Berichten lieber: „Vorstufe zur Haftung.“
Aurelion Dynamics stellte Sicherheitsdrohnen, medizinische Sensoren und sogenannte Konflikt-Simulationen her: virtuelle Arenen, in denen Regierungen und Konzerne Führungskräfte unter Stress testeten. Offiziell dienten die Simulationen der Ausbildung. Inoffiziell wusste jeder im Turm, dass die reichsten Kunden für besonders brutale Szenarien zahlten.
Mira war nicht reich, nicht laut und nicht beliebt. Sie war die Frau, die Unterschriften prüfte, bevor Boni ausgezahlt wurden. Sie war die, die nachfragte, wenn Rechnungen zu glatt aussahen. Man übersah sie gern, bis sie mit einem Aktenvermerk auftauchte.
Um 8:17 Uhr blieb der Vorstandaufzug zwischen dem 41. und 42. Stock stehen. Nur zwei Menschen standen darin: Mira und Julian.
„Natürlich“, sagte sie.
Julian blickte von seinem Tablet auf. „Ich nehme an, das ist meine Schuld?“
„Ich wollte Ihnen nicht die Freude nehmen, es selbst zu erkennen.“
Er lächelte, als hätte sie ihm ein Kompliment gemacht. „Frau Voss, Sie halten mich für gefährlich.“
„Ich halte Sie für teuer. Gefährlich sind nur Menschen, die glauben, sie müssten nichts beweisen.“
Das Licht flackerte. Die Notsprechanlage knackte, doch statt einer Technikerstimme erklang ein ruhiges Atmen. Dann eine verzerrte Stimme: „Testlauf zwölf beginnt. Teilnehmer bestätigt.“
Miras Nacken zog sich zusammen. Auf dem Display über der Tür erschien kein Stockwerk mehr, sondern ein Countdown: 00:59.
Julian trat näher an die Konsole. „Das ist kein Aufzugfehler.“
„Ach was.“
Die Wände des Aufzugs wurden transparent. Dahinter lag nicht der Schacht, sondern eine digitale Nachbildung der alten Markthalle unter dem Aurelion-Campus. Menschen in Anzügen standen auf Tribünen. In der Mitte kniete ein Mann mit blutender Schläfe.
Mira erkannte ihn sofort: Enno Seidel, Leiter der Rechtsabteilung. Der Mann, der ihr am Freitag eine Datei aus der Hand genommen und gesagt hatte: „Manche Wahrheiten sind für Karrieren zu schwer.“
Auf dem Boden neben ihm lag ein schwarzes Messer.
Der Countdown sprang auf 00:10.
Julian wurde blass. „Das ist live.“
Enno hob den Kopf, sah direkt in eine versteckte Kamera und formte mit den Lippen ein Wort.
Mira konnte es lesen.
„Zeugin.“
Dann ging das Licht aus.