Niemand bewegte sich.
Dann explodierte die Arena in Lärm. Kameras zoomten, Sicherheitsleute stürmten heran, Aurelia Brenn rief Befehle, die mehr nach Regieanweisung als nach Panik klangen. Leonhard sah auf das Messer in seiner Hand, als hätte jemand es dort hineingeschnitten.
Mara sprang von ihrem Pult hinunter in den Kreis.
„Nicht anfassen!“, rief ein Security-Mann.
„Zu spät“, sagte Mara. „Genau darauf war es angelegt.“
Sie stellte sich zwischen Leonhard und die Sicherheitsleute. Es war irrational. Es war gefährlich. Es war das Gegenteil von Compliance. Aber sie hatte den Moment gesehen: Das Licht war ausgegangen, ein Körper war gestürzt, Leonhard hatte reflexhaft nach etwas gegriffen, das man ihm entgegengeworfen hatte. Kein Täter hielt eine Tatwaffe so ratlos.
„Frau Voss“, sagte Aurelia eisig über die Lautsprecher. „Treten Sie zurück.“
Mara hob den Blick zur Plattform. „Nein.“
Das Wort hallte durch die Arena.
Später würde sie sich fragen, ob in diesem Nein der Anfang ihres Untergangs lag oder ihrer Freiheit.
Sie wurde nicht verhaftet. Noch nicht. Stattdessen sperrte man sie und Leonhard in einen Besprechungsraum hinter der Arena, angeblich zu ihrer eigenen Sicherheit. Zwei Sicherheitsleute standen vor der Tür. Die Kameras in den Ecken blinkten rot.
Leonhard wusch sich das Blut von den Händen. Sehr langsam.
„Sie hätten mich ausliefern sollen“, sagte er.
„Das hätte die Sache zu einfach gemacht.“
„Für wen?“
„Für den Menschen, der gerade vor laufender Kamera einen Mord begangen und Ihnen in die Hand gelegt hat.“
Er sah sie im Spiegel an. „Sie glauben mir.“
Mara verschränkte die Arme. „Ich glaube Indizien. Im Moment sind die Indizien hysterisch, theatralisch und sehr praktisch für Aurelia Brenn.“
Ein kurzer Zug von Wärme glitt über sein Gesicht. Nicht Lächeln. Etwas Leiseres.
„Kian war mein Bruder“, sagte Leonhard.
Mara schwieg.
„Halbbruder“, ergänzte er. „Andere Namen, andere Mütter. Er wollte nie, dass es öffentlich wird. Er sagte, Verwandtschaft sei in dieser Branche nur eine weitere Schwachstelle.“
Plötzlich ergaben manche Dinge Sinn: Leonhards Eintritt bei Helion, sein Antrag auf Schließung der Arena, seine Wut, die er unter Seide und Disziplin verbarg.
„Warum haben Sie das nicht gesagt?“
„Weil es mich verdächtiger gemacht hätte.“
„Das ist es gerade auch nicht besser.“
Er lachte leise, zum ersten Mal wirklich. Mara hasste, dass sie den Klang mochte.
Auf dem Tisch lag ein Tablet, vergessen oder absichtlich platziert. Mara aktivierte es mit dem Notfallcode der Compliance-Abteilung. Die interne Überwachung war gesperrt, aber nicht die Wartungssysteme. Zwischen Lüftungsplänen und Lichtprotokollen fand sie etwas Seltsames: Während des Stromausfalls hatte kein Mensch die Arena betreten oder verlassen. Dafür war die Zeugenbank kurz vor dem Tod des Tontechnikers von unten geöffnet worden.
„Es gibt einen Servicetunnel“, sagte sie.
Leonhard trat näher. Viel zu nah für einen Verdächtigen. „Wohin führt er?“
Mara scrollte. „Unter die Bühne. Dann zur alten Akustikkammer.“
„Die ist seit Jahren stillgelegt.“
„Offiziell.“
Ein Geräusch an der Tür. Die Sicherheitsleute sprachen mit jemandem. Mara legte das Tablet weg.
„Wir haben vielleicht zehn Minuten“, flüsterte sie.
Leonhard sah sie an. „Warum riskieren Sie Ihre Karriere für mich?“
Mara wollte sagen: Das tue ich nicht. Ich riskiere sie für die Wahrheit. Für die Toten. Für die Akten, die niemand lesen wollte.
Stattdessen sagte sie: „Weil ich wissen will, wer gewinnt, wenn alle anderen verlieren.“
Die Tür öffnete sich nicht. Draußen brach ein dumpfer Schlag los, dann Stille. Ein Umschlag wurde unter der Tür hindurchgeschoben.
Darin lag Maras Dienstausweis, zerschnitten in vier Teile, und ein Foto ihrer Mutter vor deren Wohnhaus.
Auf der Rückseite stand: „Letzte Warnung. Verlass die Arena allein.“
Leonhard las die Karte über ihre Schulter. Seine Stimme wurde dunkel.
„Jetzt geht es nicht mehr nur um Helion.“
Mara nahm die Teile ihres Ausweises in die Hand. „Nein“, sagte sie. „Jetzt geht es um meine Familie.“
Und zum ersten Mal seit Jahren hatte sie nicht Angst vor dem Fallen, sondern davor, stehen zu bleiben.