Mara Voss konnte von ihrem Schreibtisch aus die Arena sehen.
Nicht die alte, steinerne Art, in der Männer mit Schwertern starben und Kaiser mit dem Daumen urteilten. Diese Arena war aus Glas, LED-Wänden und poliertem Beton gebaut, mitten im Wiener Donauhafen, und sie gehörte der Helion Group: einem Konzern, der Konflikte in Shows verwandelte. Start-ups traten dort gegeneinander an, Politiker verteidigten Reformen, Prominente stellten sich öffentlichen Abstimmungen. Alles wurde gestreamt, bewertet, monetarisiert.
Mara hasste die Arena.
Sie arbeitete im vierundvierzigsten Stock, Abteilung Ethik & Compliance, und ihr Job bestand darin, die Lügen anderer Menschen so lange zu sortieren, bis eine davon vor Gericht brauchbar wurde. Mit achtundzwanzig war sie die jüngste leitende Ermittlerin im Konzern, was ihre Kollegen wahlweise bewunderten oder ihr übelnahmen. Ihre Mutter nannte es Erfolg. Mara nannte es ein sehr teures Gefängnis mit gutem Kaffee.
An diesem Montagmorgen lag ein Umschlag auf ihrem Tisch. Kein Absender. Nur ihr Name, handschriftlich.
Drinnen steckte ein Speicherchip und ein Zettel.
„Wenn du wissen willst, warum Kian Rotter verschwunden ist, frag nicht die Toten. Frag die Sieger.“
Mara las den Satz zweimal. Kian Rotter war kein Name, den man im Helion Tower laut aussprach. Er war der ehemalige Kreativdirektor der Arena gewesen, Publikumsliebling, Visionär, Skandalfigur. Vor drei Monaten war er während einer Live-Produktion zusammengebrochen und kurz darauf in der Konzernklinik gestorben. Offiziell: Herzversagen. Inoffiziell: Helion hatte jedes Gerücht mit Anwälten erschlagen.
Mara schob den Chip in ein isoliertes Lesegerät. Eine Datei öffnete sich. Verwackeltes Bild, offenbar von einer Wartungskamera. Man sah einen Gang hinter der Arena. Stimmen. Eine davon gehörte eindeutig Kian Rotter.
„Du kannst das nicht live gehen lassen“, sagte Kian. „Wenn die Zuschauer erfahren, dass die Abstimmungen manipuliert sind, verbrennen sie uns.“
Eine zweite Stimme antwortete, tief und ruhig: „Dann sorgen wir dafür, dass niemand mehr danach fragt.“
Mara fror ein.
Die zweite Stimme gehörte Leonhard Vale.
Dem Mann, den die Presse den „König des gläsernen Büros“ nannte. Neuer Chief Strategy Officer. Er war erst seit sechs Wochen im Konzern und galt bereits als möglicher Nachfolger der Vorstandsvorsitzenden. Unnahbar, brillant, gefährlich höflich. Mara hatte ihn nur einmal im Aufzug gesehen. Er hatte ihr die Tür aufgehalten und gesagt: „Sie sind Frau Voss. Sie unterschreiben die Berichte, vor denen alle Angst haben.“
Sie hatte damals geantwortet: „Nur die, die sie lesen sollten.“
Nun hörte sie seine Stimme in einer Datei, die möglicherweise Mord bewies.
Bevor Mara reagieren konnte, erschien auf ihrem Bildschirm eine interne Einladung: „Sondertribunal zur Causa Rotter. Leitung Compliance: Mara Voss. Eröffnung heute 18:00 Uhr in der Arena. Teilnahme verpflichtend.“
Drei Sekunden später ging die Bürotür auf.
Leonhard Vale trat ein, als gehöre ihm nicht nur der Raum, sondern auch die Luft darin. Dunkler Anzug, silbergraue Krawatte, Augen wie ein Gewitter hinter Glas.
„Frau Voss“, sagte er. „Bevor Sie entscheiden, ob Sie mich für einen Mörder halten: Der Chip ist eine Falle.“
Mara ließ die Hand langsam vom Lesegerät sinken.
„Interessant“, sagte sie. „Ich habe Ihnen noch gar nicht gesagt, dass ich einen Chip habe.“
Zum ersten Mal verlor Leonhard Vale sein Lächeln.