Mara fand Nika nicht in den Büros, nicht im Archiv, nicht in den Sanitärbereichen. Die Sicherheit riegelte das Gebäude ab. Beatrice erklärte die Unterbrechung zur „technischen Störung“ und ließ die Mitarbeitenden auf ihren Etagen festhalten. Niemand sollte gehen, niemand sollte reden. Vor allem nicht mit der Presse, die bereits vor dem Tower stand.
Leon wurde in einen Konferenzraum geführt, bewacht von zwei Männern ohne Firmenausweise. Mara folgte ihnen, bis Beatrice ihr den Weg versperrte.
„Sie sind ab sofort von dem Verfahren entbunden.“
„Mit welcher Begründung?“
Beatrice drehte ihr Tablet. Das Aufzugbild. Darunter eine automatisch erstellte Meldung: ROMANZE IM ERMITTLUNGSTEAM? HELIX DROHT COMPLIANCE-SKANDAL.
„Noch ist es nicht veröffentlicht“, sagte Beatrice. „Aber ich kann nicht garantieren, dass es so bleibt.“
Mara spürte Hitze im Gesicht. Nicht aus Scham, sondern aus Wut. „Sie wollen mich erpressen.“
„Ich schütze das Unternehmen.“
„Jonas Rehm war auch Teil dieses Unternehmens.“
„Jonas Rehm war ein instabiler Mann mit Geltungsdrang.“
Da wusste Mara, dass Beatrice log. Nicht wegen der Worte, sondern wegen der Geschwindigkeit. Zu glatt. Zu oft geübt.
Mara ging nicht zurück in ihr Büro. Sie nahm die Treppe nach unten, Etage für Etage, vorbei an Glaswänden, hinter denen Menschen so taten, als arbeiteten sie. Auf Etage 12 zog sie die Schuhe aus, weil Absätze auf Beton zu laut waren. Auf Etage 9 fand sie die Tür zum alten Postraum offen.
Nika saß zwischen ausrangierten Druckern, das Gesicht in den Händen.
„Ich habe ihn gesehen“, flüsterte sie, bevor Mara etwas sagen konnte. „Nicht Leon. Den anderen.“
„Wen?“
Nika hob den Kopf. „Dr. Kelm. Den Ethikbeauftragten.“
Mara kannte Adrian Kelm: sanfte Stimme, Leinenjacken, Vorträge über Verantwortung. Er moderierte Achtsamkeitsrunden und sprach von gewaltfreier Kommunikation, während Entlassungslisten durch seine Hände gingen.
„Kelm war bei Jonas?“
Nika nickte. „Auf der Dachterrasse. Sie haben gestritten. Jonas hatte einen Speicherchip. Kelm wollte ihn. Jonas sagte, er gehe zur Staatsanwaltschaft. Dann kam Frau Falk dazu.“
Mara wurde kalt.
„Beatrice war dort?“
„Ja. Ich war im Archivraum neben der Terrasse, weil ich Akten für Sie gesucht habe. Ich habe alles durch die halb offene Tür gesehen. Kelm hat Jonas nicht geschubst. Er hat nur…“ Nika schluckte. „Er hat ihm etwas gesagt. Ganz ruhig. Fast freundlich. Danach ging Jonas rückwärts, als würde ihm der Boden fehlen. Frau Falk hat die Tür geschlossen. Ich hörte nur noch den Aufprall.“
Mara kniete sich vor sie. „Warum bist du nicht zur Polizei?“
„Weil Kelm am nächsten Tag wusste, wo meine Schwester wohnt. Er sagte, manche Wahrheiten seien wie Messer. Man müsse lernen, sie achtsam abzulegen.“
In diesem Moment vibrierte Maras Diensthandy. Eine Nachricht von unbekannter Nummer:
POSTRAUM. ZWEI MINUTEN. WENN DU SIE RETTEN WILLST, GIB MIR DEN CHIP.
Mara sah Nika an. „Hast du den Chip?“
Nika griff in den Saum ihrer Jacke und zog ein winziges schwarzes Rechteck hervor.
„Jonas hat ihn fallen lassen“, sagte sie. „Ich glaube, darauf ist der Beweis, dass Helix wusste, wofür die Software genutzt wird.“
Von draußen näherten sich Schritte. Langsam. Gelassen.
Und dann klopfte jemand höflich an die Tür.
„Frau Seidel“, sagte Adrian Kelm. „Atmen Sie bitte tief durch. Niemand muss heute eine schlechte Entscheidung treffen.“