Am nächsten Morgen verwandelte sich das Atrium des Helix-Towers in eine Arena. Auf den oberen Galerien standen Mitarbeitende wie Zuschauer in einem modernen Kolosseum. Unten: ein runder Tisch, drei Vorstandsmitglieder, Mara als interne Anklägerin, Leon als Beschuldigter. Dahinter ein gigantischer Bildschirm, auf dem Diagramme, Chatverläufe und Schlagzeilen aufblitzten.
Beatrice Falk eröffnete die Sitzung mit ruhiger Stimme. „Transparenz ist unser höchstes Gut.“
Mara hätte beinahe gelacht. Transparenz war in diesem Haus nur ein anderes Wort für kontrolliertes Licht.
Sie begann mit den Fakten. Jonas Rehm, Datenanalyst, hatte Hinweise gesammelt, dass Helix eine Sicherheitssoftware an autoritäre Milizen verkauft hatte, obwohl der Vertrag offiziell mit einer humanitären Stiftung geschlossen worden war. Zwei Tage bevor Jonas seine Unterlagen an eine Behörde schicken wollte, fiel er von der Dachterrasse. Die Polizei sprach von Suizid. Intern aber war zu viel verschwunden: Zutrittsprotokolle, Kameraaufnahmen, Mails.
„Herr Voss“, sagte Mara, „Sie waren der Letzte, der Zugriff auf den Kommunikationsserver hatte, bevor die Dateien gelöscht wurden.“
Leon sah sie an, nicht flehend, sondern ruhig. „Ich hatte Zugriff. Ja. Aber ich war nicht der Einzige.“
Ein Murmeln lief durch die Galerien.
Mara legte den nächsten Beweis vor: eine Überweisung an ein Konto, das über drei Firmen mit Leon verbunden war. Dann einen Chat, in dem er scheinbar schrieb: „Rehm muss schweigen, bevor alles kippt.“
Leon hob den Kopf. „Das ist nicht mein Satz.“
„Er stammt von Ihrem Gerät.“
„Von meinem alten Gerät. Das ich vor sechs Monaten an die IT zurückgegeben habe.“
Mara wollte kontern, doch ihr Blick fiel auf Nika Brandt, die am Rand des Atriums stand. Blass, mit einer Kiste voller Akten in den Armen. Ihre Hände zitterten. Als Nika Maras Blick bemerkte, schüttelte sie kaum sichtbar den Kopf.
Nicht jetzt.
Beatrice beugte sich nach vorn. „Frau Seidel, bitte fahren Sie fort.“
Mara spürte die Falle. Wenn sie Leon jetzt vollständig belastete, war das Verfahren praktisch beendet. Wenn sie zögerte, würde man sie wegen Befangenheit angreifen. Das Bild aus dem Aufzug wartete sicher bereits in irgendeinem vorbereiteten Ordner.
Sie atmete langsam ein. Eine Technik aus einem Achtsamkeitsseminar, das die Firma nach drei Burn-outs verpflichtend gemacht hatte: Vier Sekunden ein, sechs Sekunden aus, den Impuls beobachten, nicht ihm gehorchen.
Dann tat sie etwas, das in Helix fast als Rebellion galt.
Sie stellte eine Frage, deren Antwort sie nicht kannte.
„Herr Voss, wo waren Sie in der Nacht von Jonas Rehms Tod zwischen 22:10 und 22:29 Uhr?“
Beatrice’ Finger erstarrten auf dem Tablet.
Leon antwortete: „Im Serverraum B. Aber nicht allein.“
„Mit wem?“
„Mit Ihrer Assistentin. Nika Brandt.“
Alle Augen wanderten zu Nika. Die Kiste rutschte ihr aus den Armen. Akten schlugen auf den Boden wie aufgescheuchte Vögel.
Da fiel im ganzen Atrium das Licht aus.
Für drei Sekunden herrschte Dunkelheit. Als die Notbeleuchtung anging, war Nika verschwunden.
Auf dem Bildschirm erschien eine neue Nachricht, weiß auf schwarz:
DIE ZEUGIN LÜGT. DIE RICHTERIN LIEBT. DER SCHULDIGE ATMET NOCH.
Dann begann irgendwo oben eine Frau zu schreien.