Mara Seidel wusste, dass es im Helix-Tower keinen Ort ohne Augen gab. Die Wände waren aus Glas, die Türen erkannten Gesichter, sogar die Kaffeemaschinen speicherten Vorlieben, Uhrzeiten und Stresswerte. Nur der alte Lastenaufzug zwischen Etage 17 und 18 hatte eine blinde Stelle von elf Sekunden, weil dort ein Signalverstärker seit Monaten defekt war.
Genau dort küsste Leon Voss sie zum ersten Mal.
Es war kein geplanter Kuss. Kein romantischer Moment mit Musik oder Mondlicht. Mara hielt eine Mappe an die Brust gedrückt, auf der in roten Buchstaben stand: INTERNES VERFAHREN GEGEN L. VOSS. Leon stand ihr gegenüber, Hemdkragen offen, eine winzige Schnittwunde an der Schläfe, als wäre er gerade aus einem Kampf gekommen. In gewisser Weise stimmte das. Helix veranstaltete keine Gladiatorenspiele, aber seine Vorstände liebten öffentliche Demütigungen: Anhörungen auf der großen Bühne, interne Abstimmungen, Livestreams für Investoren. Wer verlor, verlor nicht nur den Job, sondern seinen Namen.
„Du solltest nicht hier sein“, sagte Mara.
„Du auch nicht“, antwortete Leon. „Du bist die Frau, die mich morgen zerlegen soll.“
Mara war Leiterin der Compliance-Abteilung, zweiunddreißig, präzise, gefürchtet. Sie hatte Männer mit besseren Anwälten, älteren Netzwerken und teureren Uhren zu Fall gebracht. In der Firma nannte man sie hinter vorgehaltener Hand die Richterin. Leon hingegen war der gefeierte Krisenarchitekt, ein Mann, der mit einem Satz Aktienkurse beruhigen konnte. Nun wurde ihm vorgeworfen, Beweise im Fall des toten Whistleblowers Jonas Rehm manipuliert zu haben.
Mara hatte die Akten gelesen. Sie hatte die Zeitstempel gesehen, die gelöschten Nachrichten, das Geld auf einem Konto in Triest. Alles deutete auf Leon.
Und doch hatte er sie vor drei Nächten angerufen und nur gesagt: „Wenn ich morgen verschwinde, suchen Sie nicht nach meiner Schuld. Suchen Sie nach der Person, die meine Schuld braucht.“
Seitdem schlief Mara kaum.
Der Aufzug ruckte. Elf Sekunden Dunkelheit zwischen zwei überwachten Welten. Leon trat näher. „Ich habe eine Zeugin“, flüsterte er. „Sie arbeitet im Archiv. Sie hat gesehen, wer Jonas zuletzt traf.“
„Name?“
„Nika Brandt.“
Mara erstarrte. Nika war ihre Assistentin. Still, pünktlich, unscheinbar. Die Art Mensch, die niemand wahrnahm, bis sie fehlte.
„Warum kommt sie nicht zu mir?“
Leon lächelte bitter. „Weil sie dir nicht traut. Weil dein Büro seit Wochen abgehört wird. Und weil sie glaubt, dass du bereits entschieden hast.“
Da ging das Licht wieder an. Kameras. Glas. Ordnung.
Mara trat zurück, als hätte sie sich verbrannt.
„Morgen“, sagte sie, „werde ich tun, was ich tun muss.“
Leon nickte. „Dann hoffe ich, du weißt bis dahin, was das ist.“
Als die Türen sich öffneten, stand Vorstandschefin Beatrice Falk davor. Makelloser Hosenanzug, silbernes Haar, ein Lächeln, das nie bis zu den Augen reichte.
„Frau Seidel“, sagte sie freundlich. „Herr Voss. Wie schön, dass Sie sich schon auf die Anhörung vorbereiten.“
Mara spürte, wie ihre Mappe plötzlich schwer wurde. Auf Beatrice’ Tablet leuchtete ein eingefrorenes Bild aus dem Aufzug: Leon, nah bei ihr. Zu nah.
Der erste Schlag war gefallen.