Mara Linden war nie Vorstand gewesen. Genau das machte sie gefährlich.
Sie saß in keinem Organigramm, unterschrieb keine riskanten Mails, gab keine direkten Befehle. Sie stiftete, spendete, moderierte Galas und sprach auf Bühnen darüber, dass Macht weiblicher werden müsse, um menschlicher zu werden. Clara hatte früher einzelne ihrer Reden bewundert.
Jetzt stand Mara in der Arena wie eine Königin, die so tat, als sei der Thron nur zufällig hinter ihr.
„Frau Kovác ist traumatisiert“, sagte Mara. „Wir sollten Mitgefühl zeigen statt Sensationen zu produzieren.“
Jana wich zurück. Clara stellte sich unbewusst vor sie.
Elias trat neben Clara. Nicht ganz nah, aber nah genug, dass ihre Schultern fast dieselbe Linie bildeten. „Wo ist meine Schwester?“
Mara seufzte. „Herr Brenner, Trauer macht Menschen empfänglich für Verschwörungen.“
„Antworten Sie.“
„Ich bin keine Angeklagte.“
Clara hob den Datenchip. „Noch nicht.“
Mara sah sie an, und zum ersten Mal verschwand die Wärme aus ihrem Gesicht. „Frau Voss, wissen Sie, warum man Sie eingestellt hat? Weil Sie sauber wirken. Jung, unbeugsam, ein perfektes Feigenblatt. Aber Feigenblätter werden selten gefragt, ob sie am Baum bleiben möchten.“
Clara spürte den Stich. Nicht, weil Mara log. Sondern weil sie einen wunden Punkt traf. Clara hatte sich in den letzten Monaten oft gefragt, ob ihre Position Macht oder bloß Kulisse war.
Der Vorsitzende wandte sich an Mara. „Wir sollten die Sitzung vertagen und externe Ermittler hinzuziehen.“
Mara lächelte wieder. „Natürlich. Aber zunächst sollte das Video geprüft werden. Und Frau Kovác braucht Schutz. Ich kümmere mich persönlich darum.“
„Nein“, sagte Clara und Elias gleichzeitig.
Für einen Sekundenbruchteil trafen sich ihre Blicke. Da war Rivalität, ja. Aber auch etwas anderes: ein Einverständnis ohne Vertrag.
Mara bemerkte es. „Wie rührend. Die Anklägerin und der Verteidiger entdecken ihr gemeinsames Gewissen.“
Plötzlich gingen die Lichter aus.
Nicht langsam. Nicht flackernd. Einfach weg.
Die Arena versank in Dunkelheit. Schreie, Stühle, Glas klirrte. Clara griff nach Jana, bekam aber nur Stoff zu fassen. Eine Hand packte Claras Arm. Sie riss sich los, wollte zuschlagen, doch Elias flüsterte: „Ich bin es.“
„Jana!“
Keine Antwort.
Notlicht glomm rot auf. Die Zeugin war verschwunden. Auf dem Zeugentisch lag der Datenchip zerbrochen in zwei Teile. Mara Linden war ebenfalls weg.
Der Sicherheitschef brüllte Befehle. Türen wurden verriegelt. Clara sah zur Glaswand und erkannte in der Spiegelung etwas Merkwürdiges: eine schmale Öffnung hinter dem Podium, getarnt als Servicetür.
Elias folgte ihrem Blick. „Privater Vorstandsgang.“
„Woher wissen Sie das?“
„Noemi hat mir einmal davon erzählt. Sie sagte, Helixia habe zwei Gebäude: eines für die Öffentlichkeit und eines für die Wahrheit.“
Clara nahm ihr Tablet, steckte den zerstörten Chip ein und lief zur Öffnung. Elias hielt sie kurz am Handgelenk fest.
„Wenn wir dort hineingehen, sind wir keine Gegner mehr.“
Clara sah auf seine Hand, dann in sein Gesicht. „Das entscheidet nicht der Gang.“
„Sondern?“
„Was wir finden.“
Sie betraten die schmale Tür. Hinter ihnen schloss sie sich lautlos.