Der Sicherheitschef sprang auf, als wäre Jana eine Bombe. „Diese Person ist nicht angemeldet.“
„Das bin ich nie“, sagte Jana. Ihre Stimme klang heiser, aber fest. „Ich putze die Räume, nachdem alle gegangen sind. Niemand meldet Schatten an.“
Clara hob eine Hand. „Setzen Sie sich. Bitte.“
Elias blieb stehen. Seine Augen folgten jeder Bewegung der Zeugin. Clara bemerkte es und speicherte es ab. Er kannte sie. Oder fürchtete, was sie wusste.
Jana setzte sich nicht. Sie zog aus der Tasche ihres Kittels einen kleinen, zerkratzten Datenchip und legte ihn auf den Zeugentisch. „Darauf ist das Video aus Labor C. Nicht aus dem offiziellen System. Aus meinem alten Telefon. Ich hatte es dort aufgeladen, weil die Steckdose im Pausenraum kaputt war.“
Ein Aufsichtsrat murmelte: „Das ist unzulässig.“
Clara trat vor. „Vielleicht. Aber bevor wir es ignorieren, sollten wir wissen, was wir ignorieren.“
Elias sagte nichts.
Der Chip wurde angeschlossen. Auf der Glaswand erschien ein körniges Bild: Labor C um 02:13 Uhr. Eine Liege. Ein Patient mit Elektroden an den Schläfen. Zwei Gestalten in Schutzkleidung. Eine davon war klein, weiblich, mit einer auffällig silbernen Brosche am Kragen. Dr. Maren Albrecht trug solche Broschen.
Die andere Gestalt beugte sich über die Konsole und deaktivierte einen Alarm.
Dann geschah etwas, das Clara die Kehle zuschnürte: Der Patient begann zu krampfen. Die kleine Gestalt hob die Hand, als wolle sie helfen. Die zweite hielt sie zurück. Nach zwei Minuten war der Monitor still.
Das Video endete.
Stille.
Jana flüsterte: „Ich bin weggelaufen. Am nächsten Tag hieß es, der Patient sei an einer Vorerkrankung gestorben. Dann verschwand die Ärztin, die den Zwischenfall melden wollte.“
„Name?“, fragte Clara.
„Dr. Noemi Sattler.“
Bei diesem Namen sah Elias zu Boden.
Clara spürte den ersten echten Riss in seiner Fassade. „Herr Brenner, Sie kannten Dr. Sattler?“
Er hob den Blick. „Sie war meine Schwester.“
Ein leises Raunen ging durch die Arena.
Clara starrte ihn an. „Sie vertreten den Vorstand, obwohl Ihre Schwester als Whistleblowerin verschwunden ist?“
„Ich vertrete niemanden mehr, wenn sich bestätigt, was ich seit drei Monaten vermute.“ Seine Stimme war jetzt ohne Glanz, ohne Spiel. „Ich wurde engagiert, weil ich lästig wurde. Man dachte, Geld sei ein Maulkorb.“
Der Vorsitzende schlug mit der Hand auf den Tisch. „Diese Anhörung wird unterbrochen.“
„Nein“, sagte Jana plötzlich. „Wenn Sie jetzt unterbrechen, werde ich heute Abend tot sein.“
Alle sahen sie an.
Jana öffnete den Kragen ihres Kittels. Darunter klebte ein dünner schwarzer Sender an ihrer Haut. „Man sagte mir, wenn ich rede, bekommt mein Sohn nie wieder seine Medikamente. Ich habe das Gerät heute früh in meinem Spind gefunden. Es sendet meinen Standort.“
Clara ging zu ihr. „Wer hat es Ihnen gesagt?“
Jana sah nicht zu den Aufsichtsräten. Nicht zu Elias. Sie sah zur verspiegelten Seitentür der Arena.
„Die Frau, die hier nicht sitzen muss, weil alle glauben, sie sei nur Dekoration.“
In diesem Moment öffnete sich die Seitentür. Mara Linden trat ein, Gründerin der Helixia-Stiftung, Ikone weiblicher Führung, Gesicht jeder Kampagne mit dem Slogan: Zukunft trägt Verantwortung.
Sie lächelte sanft. „Meine Damen und Herren, ich fürchte, hier hat jemand sehr schlecht geschlafen.“