Die Zeugin hieß eigentlich Nele Arndt, doch in den internen Akten stand sie nur als N.A., Analystin im Archivcluster, befristeter Vertrag, keine Führungsverantwortung. Eine von jenen Angestellten, die Konzerne übersehen, bis sie etwas wissen.
Um 14:00 Uhr sollte Nele im Transparenzforum erscheinen. Um 13:12 Uhr fand man ihren Zugangsausweis in der Damentoilette des 19. Stocks. Um 13:18 Uhr wurde ihre Personalakte gesperrt. Um 13:23 Uhr behauptete die Sicherheitsabteilung, sie habe das Gebäude freiwillig verlassen.
Mara glaubte kein Wort.
Sie saß in einem kleinen Verhörraum hinter der Bühne, vor sich drei Tablets, zwei Papierakten und einen Kaffee, der nach verbrannter Entschuldigung schmeckte. Leon stand am Fenster. Draußen war Berlin grau und geschäftig, als wüsste die Stadt nicht, dass sich im 27. Stock gerade eine Arena füllte.
„Die Nachricht“, sagte Mara. „Warum sollte ich dich fragen?“
Leon fuhr sich über das Gesicht. „Weil Nele mich gestern kontaktiert hat.“
„Und das erfahre ich jetzt?“
„Sie wollte nicht zur Rechtsabteilung. Sie hatte Angst, dass dort jemand mitschreibt.“
Mara lachte kurz. „Charmant.“
„Sie sagte, die Patientenprofile seien nicht nur manipuliert. Der Algorithmus habe Risikowerte absichtlich schlechter dargestellt, damit Kliniken teurere Module kaufen. Es gab interne Tests. Tote Winkel. Unterschriften.“
„Wessen Unterschriften?“
Leon zögerte.
Mara stand auf. „Wessen, Leon?“
„Deine Kennung taucht in einer Freigabekette auf.“
Für einen Moment wurde die Welt klein. Nur noch der Raum, sein Atem, ihr Herz.
„Das ist unmöglich.“
„Ich weiß.“
„Woher?“
Er sah sie an, und diesmal war da keine Flucht. „Weil ich die Originalprotokolle gesehen habe. Deine Kennung wurde nachträglich eingefügt.“
Mara stützte sich auf den Tisch. Es war eine perfekte Falle. Wenn sie die Anhörung leitete, würde sie die Wahrheit an die Oberfläche ziehen – und dabei ihre eigene Beteiligung beweisen. Wenn sie schwieg, würde VECTRA Nele verschwinden lassen und die manipulierten Daten als Missverständnis begraben.
„Warum hast du mir die Protokolle nicht gegeben?“
Leon zog einen schwarzen Speicherstick aus der Innentasche. „Weil ich nicht wusste, ob ich dir vertrauen darf.“
Der Satz traf härter, als Mara wollte.
Zwischen ihnen lag mehr als berufliche Spannung. Vor drei Wochen hatten sie nach einer Krisensitzung in einer leeren Kantine bis zwei Uhr nachts geredet. Über Väter, die nie stolz waren. Über Mütter, die alles aushielten. Über Karrieren, die wie Rüstungen passten, bis man merkte, dass man darin nicht atmen konnte. Danach hatte Leon ihre Hand berührt. Nur kurz. Doch seitdem war jeder Flur, jede Mail, jede zufällige Begegnung mit Strom geladen.
Mara nahm den Stick nicht.
„Wenn du mir nicht vertraust, warum jetzt?“
Leon trat näher. „Weil Nele verschwunden ist. Weil Viktoria dich opfert. Und weil ich, verdammt noch mal, nicht mehr so tun kann, als wärst du nur eine Kollegin.“
Draußen brandete Applaus auf. Die Kameras liefen warm. Die Arena wartete.
Da öffnete sich die Tür. Viktoria Falk stand im Rahmen, begleitet von zwei Sicherheitsleuten.
„Frau Seidel“, sagte sie ruhig. „Eine bedauerliche Entwicklung. Frau Arndt ist nicht auffindbar. Wir müssen das Format anpassen.“
Mara schloss die Finger um den Speicherstick.
Viktorias Blick blieb daran hängen. Ein kaum sichtbares Lächeln.
„Wie praktisch“, sagte sie. „Dann haben Sie ja bestimmt etwas vorzulegen.“