Als Mara Seidel an diesem Montagmorgen den gläsernen Turm von VECTRA betrat, wusste sie bereits, dass jemand fallen würde. Nur nicht, ob es ein Vorstand, ein Whistleblower oder sie selbst sein würde.
VECTRA war kein gewöhnlicher Konzern. Nach außen verkaufte er Gesundheitsdaten-Software, glänzende Zukunftsversprechen und Werbespots mit lächelnden Ärztinnen. Nach innen war er eine vertikale Stadt aus Angst: Je höher die Etage, desto leiser die Stimmen. Mara arbeitete im 27. Stock, Abteilung Integrität und Risiko, ein Name, der in Wahrheit bedeutete: Schmutz finden, bevor die Presse ihn findet.
Sie trug ein dunkelblaues Kostüm, flache Schuhe und die Angewohnheit, nie zweimal in denselben Spiegel zu sehen. Auf ihrem Handy blinkten sieben Nachrichten. Fünf von der Pressestelle. Eine von ihrer Mutter: „Iss etwas.“ Und eine unbekannte Nummer: „Wenn sie mich heute hören, bin ich morgen tot. 19:30, Parkdeck C.“
Im Fahrstuhl stand bereits Leon Wendt.
Mara spürte den kleinen, unprofessionellen Stich unter dem Brustbein, den sie seit sechs Wochen nicht loswurde. Leon war Interimschef der Kommunikationsabteilung, zu charmant für Krisenkommunikation und zu ehrlich für einen Vorstandsturm. Sein Hemd war am Kragen offen, als hätte er mit der Nacht verhandelt und knapp verloren.
„Du hast die Einladung gesehen?“, fragte er.
„Zur Anhörung?“
„Sie nennen es nicht Anhörung. Sie nennen es Transparenzforum.“
Mara lächelte ohne Freude. „Wenn ein Konzern etwas Forum nennt, hat er vorher schon entschieden, wer sprechen darf.“
Leon trat näher, nur einen halben Schritt, aber im Fahrstuhl fühlte es sich an wie ein Geständnis. „Mara, heute geht es nicht nur um die Datenpanne. Es gibt Gerüchte über manipulierte Patientenprofile. Wenn das stimmt—“
„Dann ist es kein PR-Problem.“
„Sondern?“
Die Türen öffneten sich im 27. Stock. Vor ihnen warteten Kamerateams, Security und zwei Assistentinnen, die so taten, als hätten sie keine Angst.
Mara sah Leon an. „Dann ist es ein Verbrechen.“
Im Konferenzbereich hatte man eine Bühne aufgebaut. Halb Gerichtssaal, halb Fernsehstudio. In der Mitte: ein langer Tisch für den Vorstand. Gegenüber: ein einzelner Stuhl für die interne Zeugin, die am Nachmittag aussagen sollte. Auf den Bildschirmen stand: VECTRA VERDICT — Öffentliche Klärung im Interesse aller.
Mara blieb stehen. „Wer hat diesen Titel genehmigt?“
Leon hob langsam die Hand. „Nicht freiwillig. Der Aufsichtsrat wollte etwas Starkes.“
„Das ist kein stark. Das ist ein Kolosseum mit WLAN.“
Da trat Viktoria Falk aus dem Schatten der Bühne. Vorstandsvorsitzende. Gründerin. Eine Frau, die seit Jahren auf Magazincovern als Beweis dafür diente, dass Macht auch Lippenstift tragen konnte. Sie war berühmt für den Satz: „Frauen müssen nicht höflich bitten, wenn sie führen können.“ Mara hatte ihn früher bewundert. Jetzt klang er wie eine Drohung.
„Frau Seidel“, sagte Viktoria. „Sie leiten heute die Befragung.“
Mara erstarrte. „Ich leite die interne Prüfung. Nicht eine Show.“
„Ab heute ist Wahrheit eine öffentliche Dienstleistung.“ Viktoria lächelte. „Und Sie sind unser glaubwürdigstes Gesicht.“
Leon sah Mara warnend an. Zu spät.
Auf Maras Handy erschien eine neue Nachricht: „Parkdeck ist unsicher. Sie haben eine Kopie. Frag Leon, warum.“
Mara hob den Blick.
Leon wich ihm zum ersten Mal aus.