Jonas redete erst, als Ilse ihm versprach, seine Großmutter nicht aus Abendrot werfen zu lassen. Mara glaubte ihm nur zur Hälfte, aber halbe Wahrheiten waren oft Türen.
Er arbeitete nebenbei für die Arena. Nicht als Kämpfer, sondern als „Scout“. Er meldete junge Menschen mit Schulden, kranken Verwandten oder Wutproblemen. Die Organisation bot ihnen Verträge an, die klangen wie Rettung und rochen wie Blut.
„Niko Voss ist angemeldet“, sagte Jonas leise. „Morgen im Hauptkampf. Gegen Tarek Null.“
Samira pfiff. „Null? Der hat letztes Mal jemandem den Kehlkopf gebrochen.“
Mara spürte, wie ihr Atem heiß wurde. Sie zwang sich, langsamer zu werden. Einatmen. Wahrnehmen. Nicht bewerten. Es half nicht.
„Wer leitet die Arena?“
Jonas zögerte. „Offiziell niemand. Inoffiziell: Direktorin Helene Prax. Sie sitzt im Stadtrat, besitzt Sicherheitsfirmen und tut so, als wäre Grausamkeit ein Auswahlverfahren.“
Ilse wurde blass. „Prax sammelt alte Kunst.“
„Und alte Codes“, ergänzte Samira.
Sie beschlossen, in die Arena zu gehen. Nicht morgen. Sofort.
Das Wartungsbecken lag tief im Bauch der Stadt. Früher hatten dort Taucher die Pontons geprüft. Jetzt standen Tribünen aus Gerüststahl über schwarzem Wasser. Neonlichter färbten Gesichter blau und rot. Über dem Ring hing ein riesiger holografischer Ziegenkopf, der bei jedem Jubel die Augen aufriss.
Mara zog eine Kapuze tief ins Gesicht. Ilse trug wieder ihren Kunstpelzkragen und spielte die verwirrte Dame, die sich verlaufen hatte. Samira blieb über Funk verbunden und nannte es „altersgerechte Aufklärung“.
Im Ring kämpften zwei Frauen. Eine war groß und tätowiert, die andere kaum älter als zwanzig. Das Publikum brüllte „Ladies first!“, aber es klang nicht wie Respekt. Es klang wie Hunger.
Mara fand Niko hinter den Umkleidecontainern. Er hatte ein blaues Auge und band sich die Hände.
„Du bist wahnsinnig“, sagte sie.
Er sah nicht überrascht aus. „Du hast meine Nachricht bekommen.“
„Ich habe auch verstanden, dass du sterben willst.“
„Ich will, dass Mama behandelt wird.“
„Mit Geld, das sie aus deinem gebrochenen Schädel pressen?“
Niko lachte bitter. „Deine Achtsamkeitswitze zahlen keine Medikamente.“
Das traf, weil es stimmte. Mara griff nach seiner Hand. „Die Arena benutzt dich. Prax plant mehr als Wetten. Sie hat ein Gemälde gestohlen, mit dem sie die Stadt kippen kann.“
„Dann geh zur Polizei.“
„Die sitzt auf der Ehrentribüne.“
Ein Gong dröhnte. Auf einer Plattform erschien Helene Prax. Sie war schlank, elegant, mit weißem Haar und einer Stimme, die lächelte, ohne Wärme zu brauchen.
„Luminara liebt Aufstieg“, sagte sie ins Mikrofon. „Doch Aufstieg braucht Opfer. Heute zeigen wir, wer Gewicht hat.“
Hinter ihr wurde ein Vorhang weggezogen. In einer gepanzerten Glasvitrine stand Die Dame mit dem blinden Tier. Daneben saß Ruth, gefesselt, aber lebendig. Ihr roter Faden war um ihren Mund gebunden.
Ilse machte einen Schritt nach vorn. Mara hielt sie zurück.
Prax fuhr fort: „Unser Hauptkampf beginnt früher. Niko Voss gegen Tarek Null. Der Sieger erhält Ebene Eins. Der Verlierer schenkt uns eine Lektion.“
Niko sah Mara an. In seinem Blick lag Entschuldigung. Dann stieg er in den Ring.
Mara wusste: Wenn sie ihn jetzt herauszog, würden Sicherheitsleute ihn töten. Wenn sie nichts tat, vielleicht Tarek.
Samiras Stimme knackte im Ohr. „Ich kann die Vitrine öffnen. Aber nur, wenn jemand Prax’ Handscanner überlistet.“
Mara sah auf ihre eigene rechte Hand. Alte Fechternarben. Ruhiger Puls. Sie war einmal schnell genug gewesen, Medaillen zu gewinnen. Vielleicht war sie noch schnell genug, eine Stadt zu stehlen.
„Ilse“, flüsterte sie. „Kannst du ohnmächtig werden?“
Die alte Dame hob eine Augenbraue. „Kind, ich war dreimal verheiratet. Ich kann alles vortäuschen.“