Der Bezirk Abendrot lag unter einer Glaskuppel, in der künstliche Kastanien blühten. Hier roch es nach Zimt, Desinfektion und Geld. Kleine autonome Wagen rollten langsam über weiche Wege, Seniorinnen spielten Schach mit holografischen Figuren, und aus Lautsprechern klang Musik, die niemanden überraschen sollte.
Ilse führte Mara in ein Gemeinschaftshaus namens Salon Morgenstern. An der Wand hing eine leere Fläche, heller als der Rest der Tapete. Davor stand ein Rollator, an dessen Griff ein roter Faden geknotet war.
„Ruths“, sagte Ilse. „Sie knotete Fäden an alles, was wichtig war. Damit die Welt sie nicht stiehlt.“
Mara betrachtete den Boden. Keine Glassplitter, keine Spuren von Gewalt, nur ein Geruch nach Pfefferminz und Metall. Sie kniete sich hin und fand unter dem Heizkörper eine winzige schwarze Schuppe.
„Drohnenlack“, murmelte sie.
Ilse nickte. „Wartungsdrohnen kommen hier jede Nacht. Aber nur eine hatte gestern kein Kennzeichen.“
„Und warum bewachen alte Damen ein verbotenes Gemälde?“
Aus dem Nebenraum kam eine Stimme. „Weil junge Leute zu beschäftigt damit sind, sich gegenseitig zu verkaufen.“
Eine Frau im Rollstuhl rollte herein. Sie hatte violett gefärbte Haare und Augen, die jeden Satz bereits dreimal widerlegt hatten. „Ich bin Samira. Ich hacke nicht mehr. Offiziell.“
„Freut mich“, sagte Mara.
„Tut es nicht. Du denkst, wir sind eine Bastelgruppe mit Verschwörungshobby.“
Mara schwieg. Das war näher an der Wahrheit, als höflich gewesen wäre.
Samira projizierte eine Karte von Luminara in die Luft. Linien leuchteten auf: Aufzüge, Wasserleitungen, private Sicherheitskorridore. Im Zentrum blinkte das Wartungsbecken, in dem die Kämpfe stattfanden.
„Die Dame mit dem blinden Tier gehörte einst dem Gründerkonsortium“, sagte Samira. „Auf der Rückseite befindet sich ein alter Zugangscode. Wer ihn entschlüsselt, kann die Gewichtssensoren der Stadt manipulieren.“
„Gewichtssensoren?“
Ilse sah zur Kuppel hinauf. „Luminara schwimmt nur, solange Lasten verteilt werden. Menschen, Wasser, Vorräte, Luxusgärten. Alles wird berechnet. Wenn jemand die Sensoren fälscht, kann er ganze Bezirke absacken lassen und behaupten, es sei ein technischer Fehler.“
Mara dachte an die Tropfgänge. An Nachbarn, die nachts das Knacken der Pontons hörten und trotzdem einschliefen, weil Müdigkeit stärker war als Angst.
„Wer will so etwas?“
Samira lachte trocken. „Die gleiche Art Mensch, die ein Turnier veranstaltet, damit die Armen einander beweisen, wer von ihnen in den Speisesaal darf.“
Ein junger Pfleger trat ein, freundlich, glattrasiert, zu sauber. „Frau Kranich, Ihre Medikamente.“
Ilse winkte ab. „Später, Jonas.“
Mara bemerkte, wie Samiras Finger kurz still wurden. Zu kurz für normale Angst, lang genug für Verrat.
Als Jonas ging, flackerte die Projektion. Samira fluchte. „Jemand scannt uns.“
Die Türen des Salons verriegelten sich automatisch. Aus den Lüftungsschlitzen glitt weißer Nebel.
Ilse hustete. Mara riss einen Vorhang herunter, presste ihn vor ihr Gesicht und trat gegen das Fenster. Sicherheitsglas. Natürlich. Samira zog ein Kabel aus ihrem Rollstuhl und rammte es in die Steuerbuchse der Tür.
„Dreißig Sekunden“, keuchte sie.
Mara sah durch den Nebel eine kleine Wartungsdrohne schweben. Darunter hing kein Werkzeug, sondern eine Nadel.
Sie griff nach Ruths Rollator, riss den roten Faden ab und schleuderte das Gestell wie eine Waffe. Die Drohne krachte gegen die Wand, sirrte, fiel zu Boden. Auf ihrem schwarzen Gehäuse prangte der gekrönte Ziegenkopf.
Die Tür sprang auf. Frische Luft strömte herein. Jonas stand im Flur, mit weit aufgerissenen Augen.
„Ich wollte nur helfen“, sagte er.
Mara hob die Drohne auf. „Dann fang damit an, nicht zu lügen.“