Als die Stadt Luminara im Jahr 2041 auf riesigen Pontons über dem ehemaligen Inntal schwamm, behaupteten die Reichen, sie hätten die Zukunft gebaut. Die Armen sagten, sie hätten nur den Keller verloren.
Mara Voss kannte beide Sätze auswendig. Tagsüber leitete sie im Wellnessflügel des Turms Saphir Kurse für Managerinnen, Politiker und Menschen, die das Wort „Selbstfürsorge“ benutzten, um Personalabbau besser zu verdauen. Abends wohnte sie drei Ebenen tiefer in den Tropfgängen, wo Kondenswasser von den Rohren fiel und Nachbarn mit Eimern unter undichten Decken schliefen.
„Einatmen“, sagte Mara vor zwölf Personen in Seidenhosen. „Nehmen Sie wahr, was in Ihnen aufsteigt.“
„Hass auf meinen Aufsichtsrat“, sagte eine Frau mit silbernem Kurzhaarschnitt.
„Sehr gut. Nicht bewerten.“
Mara lächelte professionell. Innerlich zählte sie die Sekunden bis zum Ende. Seit drei Monaten hatte sie Schulden bei der Dockkasse, seit zwei Wochen reagierte ihr Bruder Niko nicht mehr zuverlässig auf Nachrichten, und seit gestern hing überall in Luminara dasselbe Plakat: DIE KRONE DER ZIEGE – NUR DIE STÄRKSTEN STEIGEN AUF.
Es war ein Untergrundturnier, obwohl es niemand so nannte. Offiziell handelte es sich um ein „Talentförderprogramm für vertikale Mobilität“. In Wahrheit prügelten junge Männer und Frauen in der Arena des alten Wartungsbeckens gegeneinander, während die oberen Ränge Wetten abschlossen. Der Sieger erhielt ein Wohnrecht auf Ebene Eins, medizinische Versorgung und einen Namen in den Nachrichten.
Niko hatte früher gesagt, nur Idioten ließen sich für Applaus verletzen. Dann war ihre Mutter krank geworden.
Nach dem Kurs blieb eine Kundin zurück. Sie war alt, aufrecht und trug Handschuhe aus grünem Samt, obwohl es warm war. Auf ihrer Schulter lag ein weißer Kunstpelzkragen, zu fein für eine Touristin und zu auffällig für jemanden, der nicht gesehen werden wollte.
„Frau Voss“, sagte sie. „Sie waren einmal Fechterin.“
Mara schloss die Tür zum Meditationsraum. „Einmal war ich auch achtzehn und glaubte, Talent sei wichtiger als Beziehungen.“
„Ich brauche jemanden, der sich leise bewegen kann.“
„Dann suchen Sie eine Katze.“
Die Alte lächelte. „Meine ist verschwunden. Zusammen mit einem Gemälde, das es offiziell nicht gibt.“
Sie stellte sich als Ilse Kranich vor, Bewohnerin des Bezirks Abendrot, einer Seniorenenklave auf der windgeschützten Seite der Stadt. Abendrot hatte den Ruf eines friedlichen Ortes für Rentner mit guten Versicherungen. Mara kannte den Ruf. Sie wusste auch, dass friedliche Orte oft nur deshalb friedlich wirkten, weil dort niemand mehr schrie.
Ilse legte ein Foto auf die Yogamatte. Es zeigte ein kleines Bild: eine junge Frau mit einem Hermelin im Arm, doch das Tier hatte keine Augen, sondern winzige Spiegel. Im Hintergrund brannte eine Stadt, die Luminara ähnelte, obwohl das Werk angeblich hundert Jahre alt war.
„Es heißt Die Dame mit dem blinden Tier“, sagte Ilse. „Heute Nacht wurde es gestohlen. Meine Freundin Ruth bewachte es. Ruth ist ebenfalls weg.“
„Polizei?“
„Die Polizei sagt, alte Damen verlegen Dinge. Manchmal sogar sich selbst.“
Mara wollte ablehnen. Dann vibrierte ihr Armband. Eine Nachricht von Niko: Wenn morgen jemand nach mir fragt, sag, ich hätte gewonnen.
Darunter ein Ziegenkopf-Emoji.
Mara sah zu Ilse. „Was hat Ihr Gemälde mit der Krone der Ziege zu tun?“
Ilse zog die Handschuhe aus. Auf ihrem Handgelenk stand tätowiert dasselbe Symbol wie auf den Plakaten: ein Ziegenkopf mit einer Krone aus Dornen.
„Mehr, als mir lieb ist“, sagte sie.